Titelbild - Herr der Hörner - Matthias Politycki - Rezension

Herr der Hörner ist meine zweite literarische Begegnung mit Matthias Politycki, die erste fand im Jahr 1997 statt. Weiberroman. Hoch gelobt durch die Presse eilte ich zum Buchhändler und holte ihn mir, den Weiberroman. Stuttgart und Wien die Handlungsorte. Parallelen zu meinem eigenen Lebensuniversum. Geboren in Stuttgart, meine Wurzeln? Irgendwie auch in Wien. Die unvollendete Sinfonie einer Flüchtlingsepoche, eingeleitet durch den zweiten Weltkrieg. Meine Familie direkt betroffen, ich selbst nur peripher, hinein geboren in eine Wohlstandsgesellschaft. Aber zurück zu Matthias Politycki:

Der Weiberroman hat mich nicht überzeugt, nach siebzig achtzig Seiten landete das Buch zugeklappt im Bücherregal. Dennoch blieb mir der Name Matthias Politicky in Erinnerung, als hätte dieser seine Gedanken per Klettverschluss an meine Synapsen gehaftet. Jedenfalls dauerhaft genug, um bei seinem jüngsten Werk einen Lesereflex bei mir auszulösen. Zum Glück.

Herr der Hörner ist für mich eine (fast schon religiöse) Offenbarung, der Beweis, dass Erzählkunst nach wie vor existent ist. Der Zauber der Worte, verpackt in einem Roman, den ich ab sofort zu den großen der jüngeren Literatur zähle. Die Rasanz des Werkes beginnt mit der Namensgebung für den Protagonisten (sofern er einer ist?):

Broder Boschkus.

Politycki reiht sich damit ein in die Phalanx begnadeter Autoren, die die Personen ihrer Romane nicht mit belanglosen Namen diskreditieren. Vergleichbar zum Beispiel mit Oskar Mazerath aus die Blechtrommel, Siggi Jepsen aus „Deutschstunde“ oder Franz Biberkopf, dem der kalte Berliner Winterwind auf dem Alexanderplatz durch die leeren Hosentaschen fegt. Broder Boschkus zieht es im Gegensatz dazu in die Ferne: nach Kuba.

Zumindest, nach dem er Frau und Kind in Hamburg hat sitzen lassen, um wie er sich eintrichtert, einmal unlimitiert im Leben agieren zu können. Einmal und dann nie wieder. Anlass sind drei Zehn-Peso-Scheine, die ihm eine zigarrenbraune Schönheit am letzten Urlaubsabend hastig überreicht, während er mit seiner Frau Kristina (gab es nicht schon eine Kristina im Weiberroman?) ein letztes Mal durch die exotische Nacht Santiago de Cubas schreitet, manchmal auch stolpert.

Ein Zeichen, dem er nicht widerstehen kann. Ein Ruf, ein Befehl, ausgesprochen von Toten, die afrikanischen Religionswurzeln zufolge immer wieder zu den Lebenden zurückkehren. Santeria, Pale Monte und vielleicht ein wenig Voodoo. Denn das Helle vergeht, doch das Dunkle, das bleibt.

Was zunächst mit der Suche nach jenem Mädchen (Frau?) mit der zigarrenbraunen Haut und einem kleinen, fast unsichtbaren Fleck im Auge, vielleicht im linken, vielleicht im rechten, beginnt, lässt den biederen, bleichen, grauhaarigen, im Lauf der Arbeitsjahre leicht unförmig gewordenen Hanseaten (Leiter der Wertpapierabteilung eines privaten Hamburger Bankhauses) zusehends in eine fremde Welt eintauchen. Einmal im Leben unlimitiert handeln. Einmal und dann nie wieder. Begleitet zwar von aufflammenden Restzweifeln, jedoch mehr und mehr verdrängt durch einen sich fast schon schizoid und in Schüben anbahnenden Blutrausch.

Mit einer unglaublich barocken Wortfülle erschließt der Autor die Insel, besser gesagt den südlichen Teil wie ein Puzzle, das zuvor aus unbedruckten Puzzleteilen besteht, erkennbar in dem Moment, wenn zwei weitere Teile zusammenpassen, um das große Ganze Stück für Stück fühlbar zu machen. Begonnen bei dem stetigen Lärm (Klänge, Stimmengewirr und Rhythmen), der durch die Gassen der Stadt huscht, aufbrandet, manchmal für kurze Momente in einer atemlosen Stille verharrt. Gerüche, die sich in verschiedensten Formen und Farben ausbreiten, als könne man sie berühren. Verbotene Hahnenkämpfe und Mastschweine, die auf Terrassen leben, um irgendwann zu sterben. Tropisches Klima, das jeden Mitteleuropäer früher oder später in die Knie zwingt, genauso wie religiöse Mythen, ekstatische Tänze (Boschkus hasst Salsa) und der Kampf um das tägliche Überleben. Im wörtlichen und übertragenen Sinn.

Jineteras mit zimtbrauner Haut, manchmal honigbraun, einbeinige Bettler, Zigarrendreher, Gemüseaussingerinnen, Taubenhalsumdreher, Lockenwicklerinnen… Matthias Politycki in einem Schreibrausch. Minutiös durch ausgiebige Recherchen vor Ort gestützt (empfehlenswert: eine Dokumentation des Bayerischen Rundfunks, abrufbar auf der Homepage des Autors), ein Balanceakt zwischen zwei Kulturen: Armut verbunden mit Ideenreichtum und Reichtum verbunden mit einer perfiden Armut an Ideen.

Religiöse Mythen als beinahe schon surrealistisch anmutender Kontrastpunkt zum mitteleuropäischen Pragmatismus. Dabei bewahrt der Erzähler durch feinsinnigen, die Handlungen hinterfragenden Humor die notwendige Distanz:

Mirta schaute Boschkus an (Jetzt bist du platt, mein Sohn), Boschkus schaute Mirta an (Willst du mich verarschen, oder was?).

Realität und Fiktion vermischen sich fast unmerklich, wie Politycki selbst in einem Interview sagt. Ein Abdriften mit positiven und negativen Überraschungen gleichermaßen.

Ein literarisches Spektakel, das Broder Boschkus tranceartig voranschreiten lässt, mit einer Zwangsläufigkeit, die mehr als nur schicksalsbedingt ist: Einmal im Leben unlimitiert handeln. Einmal und dann nie wieder. Der bewusste oder unbewusste Schritt in das Zentrum einer persönlichen Apokalypse. Der feste Boden unter den Füßen verliert mehr und mehr an trittfester Materie.

Broder Boschkus ist kein Held. Er ist eher ein Antipode; in erster Linie sich selbst gegenüber. Begleitet von verschiedensten Romanfiguren, die Politycki beinahe schon detailversessen skizziert. Mit jedem Wort spürbar, wie reale Charaktere um fiktionale Nuancen erweitert, sozusagen literarisch heranreifend.

Dass Broschkus vorheriges Leben, irgendwo in Hamburg, in der Dunkelheit verborgen bleibt, ist nicht atypisch oder ein Versehen, es lässt mir als Leser die Freiheit, eigenen Schlüsse zu ziehen. Identifiziere ich mich mit ihm, oder beobachte ich ihn aus sicherer Distanz?

Matthias Politycki hat das eigene Leben vorübergehend mit dem Entstehen des Romans synchronisiert. Herausgekommen ist dabei eine „authentische Fiktion“ und damit betrachte ich persönlich das Experiment als äußerst gelungen.

Die gesamte Handlung spielt sich in Santiago de Cuba sowie in den südlichen Teilen der Insel ab. Solltet Ihr eine Kuba-Reise planen, gehört Herr der Hörner mit in Euer Reisegepäck.

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