Das Hotel Angst in Bordighera: Ein Blogbeitrag über das Verschwinden der Dinge

Das einstige Hotel Angst in Bordighera an der italienischen Mittelmeerküste ist eine Legende, die langsam aber sicher verschwindet. Schon einmal habe ich im Zusammenhang mit der Villa Moser in Stuttgart Paul Cezanne zitiert: Man muss sich beeilen, wenn man etwas sehen will, alles verschwindet. Dem ist so. Dass mir das Hotel Angst in Bordighera über geschätzte drei Jahrzehnte in Erinnerung geblieben ist, liegt an einem Italientrip irgendwann Mitte der 80er im letzten Jahrhundert. Wir waren tatsächlich zu Dritt mit einem alten VW-Käfer unterwegs. Gut so, heute würde man in dem Zusammenhang von einem ökologischen Fußabdruck reden, den wir sicher hinterlassen haben. Wie auch immer, haben wir Sanremo ohne Zwischenstopp hinter uns gelassen. Und kaum kommt der Ort Bordighera in Sicht, drängt sich mir (den anderen auch) das Hotel Angst ins Sichtfeld. Ein grandioser Hotelbau, mit Fassaden, die inzwischen längst so klapprig anmuten wie der Käfer, der allerdings sämtliche Kilometer entlang der ligurischen Mittelmeerküste und noch viel weiter seriös abspulen wird.

Das Hotel Angst in Bordighera: Wenn die Fassade so richtig bröckelt

Hotel Angst in Bordighera - historische Karte mit Telefon
Hotel Angst in Bordighera - historische Karte mit Telefon
Hotel Angst Bordighera - Italien - so sieht es heute aus - Stand Juni 2019

Kurz am Straßenrand gehalten, beraten und dann sind wir in die Via Romana Richtung des verlassenen und verratenen Hotels gekäfert. Je näher wir kommen, desto mehr Details können wir in unserem Gedächtnis abspeichern. Mir persönlich ist der Schriftzug im Art Deco Style besonders in Erinnerung geblieben. Er befindet sich genau in der Mitte des Gebäudes an dem rundförmigen Aufbau, an dem sich in guten Zeiten zwei italienische Flaggen mit der Mittelmeerbrise vergnügt haben. Das Entree ist verschlossen, das Tor rostet vor sich hin ebenso wie die beiden Schilder, auf denen ich den nostalgisch designten Schriftzug aus nächster Nähe betrachten kann. Angst bekommt ein Gesicht in Form von Buchstaben. Die Blicke streicheln vorsichtig über die Fassaden, an der es bröckelt und bröselt. Wir befürchten, den Verfallsprozess mit unseren Blicken zu beschleunigen. Ist natürlich Quatsch, aber so denkt man eben, wenn man vor dem Gebäude steht. Die Fenster wirken nicht wie Fenster sondern eher wie Lücken, die jemand reingeschlagen hat. Die stuckartigen Verzierungen sind dagegen erstaunlich gut erhalten.

Jedenfalls erzählt das Hotel Angst in Bordighera noch Geschichten aus den glamourösen Zeiten faszinierender Grand Hotels, wie es sie heute eben nicht mehr gibt. Wie gesagt, das Verschwinden der Dinge ist ein permanenter Prozess. Wer seine Heimatstadt nach 30 Jahren wieder einmal besucht, wird das mit größter Wahrscheinlichkeit bestätigen können.

Das Hotel Angst in Bordighera: schon bei der Eröffnung eine Legende

Die Historie des Hotels Angst in Bordighera reicht zurück bis ins Jahr 1887. Genau in diesem Jahr hat der Schweizer Hotelier Adolf Angst mit dem Bau begonnen und in mehreren Abschnitten bis ins Jahr 1914 eines der luxuriösesten Hotels in der damaligen Zeit an der ligurischen Mittelmeerküste eröffnet. Jedes Zimmer mit fließend warm Wasser, elektrischem Licht und weiteren Annehmlichkeiten. Dinge, die für uns heute selbstverständlich sind. Der Hotelier hat ebenso Wert auf eine hauseigene und gut sortierte Bibliothek gelegt.

Es war natürlich kein Zufall, weshalb Adolf Angst das Hotel ausgerechnet in Bordighera gebaut hat. Die Wahl des Ortes hängt, wie verschiedene Quellen berichten, mit dem Roman Il Dottor Antonio des italienischen Schriftstellers Giovanni Ruffini zusammen. Ganz offensichtlich hat der Autor bei zahlreichen und vor allem betuchten Engländern die Sehnsucht nach der mit Palmen gesäumten Riviera speziell bei Bordighera geweckt. Während das ansonsten eher beschauliche Fischerdorf über den Sommer hinweg schweigend und wie leer gefegt wirkt, füllen sich die Bars und Restaurants in den romantisch anmutenden Gassen über die Wintermonate hinweg zusehends. Das Klima bleibt angenehm mild. Würziger Duft der Olivenbäume vermischt sich mit dem feinen Aroma der Orchideen. Und so kommt es, dass sich im Hotel Angst fast ausschließlich Engländer einquartiert haben, falls sie nicht selbst eine eigene Villa rund um den sanft aufsteigenden Hügel rund um den Ort ihr Eigen nennen konnten.

Anfang des 19. Jahrhunderts, so wird jedenfalls berichtet, soll Queen Victoria das gesamte Hotel Angst gebucht haben. Mit ein Grund dürfte ihr Rheumaleiden gewesen sein, das so gar nicht zu den nasskalten Wintern auf der Insel passt. Nahezu erblindet, stirbt sie am 22. Januar 1901, ohne jemals das Hotel Angst in Bordighera bezogen zu haben. Vielleicht hängt ihr Nichterscheinen auch mit dem 2. Burenkrieg zusammen, der zwischen 1898 und 1902 viele Opfer forderte.

Der Untergang des Hotel Angst wurde mit dem Beginn des 1. Weltkriegs eingeläutet. Es wurde vorrübergehend zu einem Lazarett umgewandelt. Nach Kriegsende versuchte Adolf Angst weiterhin sein Glück mit dem traumhaft schönen Grand Hotel. Apropos Glück: zu seiner Zeit schränkte die italienische Regierung das Glücksspiel ein, indem die maximal möglichen Höchsteinsätze drastisch reduziert wurden. Die Geburtsstunde mondäner Casino-Orte wie Monte Carlo und Nizza. Die Glücksritter folgen dem Ruf. Das endgültige Aus der gloriosen Ära des Hotels Angst erfolgt mit Beginn des 2. Weltkriegs und der über Jahrzehnte lang anhaltende Dornröschenschlaf beginnt. Wir dürfen die schlafende Schönheit für einen Moment betrachten während unseres Italien-Trips irgendwann in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts.

Bizzi & Partners Development und das ehemalige Hotel Angst in Bordighera

Es ist beruhigend, wenn die Dinge verschwinden und doch irgendwie bleiben. Genau das geschieht tatsächlich, wenn Bizzi & Partner als Real Estate Entwickler das umsetzen, was auf deren Homepage zu sehen ist (bitte beachtet: das ist keine bezahlte Werbung). Die hier gezeigten Baustellenbilder (Danke an Andreas Andy Fischer) entsprechen dem Stand Juni 2019. Ich habe die Motive in S/W mit Sepiatonung umgewandelt, weil mir der Stil aktuell gefällt, ist aber eine andere Geschichte. Jedenfalls scheinen die Investoren gewillt zu sein, einen Teil des Glamours der einstigen Nobelherberge Hotel Angst vor allem im Bereich der Fassade erhalten zu wollen. Allerdings scheint man sich mit der Umsetzung Zeit zu lassen. Von den Umbauplänen ist mir, wenn ich mich nicht täusche, 2013 erstmals zu Ohren gekommen.

Lust auf noch mehr Hotel Angst? Hier findet ihr weitere Links

Eine Galerie mit mehreren 100 Bildern findet ihr auf Flickr, der Fotograf nennt sich a.more.s. Werft einen Blick in die Galerien, es lohnt sich wirklich. Ein Danke schön möchte ich zudem an U. (mehr Namen habe ich nicht) aussprechen, in deren lesenswertem Blogbeitrag über das Hotel Angst ich den Link zu den Galerien gefunden habe. Und nicht zuletzt auch noch ein Link in eigener Sache zur Buchbesprechung Hotel Angst, einem Roman des Autors John von Düffel.

Bildnachweis: Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27960920
Aktuelle Bilder: mein Danke Schön geht an Andy Andreas Fischer für die Aufnahmen

2 Comments
  1. Author
    Andreas Schneider 2 Monaten ago

    Hi Oliver, danke für das Kompliment für den Beitrag. Und ja, der Film war klasse, zumal ich alte Grand Hotels liebe, auch wenn ich sie mir vermutlich nie hätte leisten können.

    Viele Grüße
    Andreas

  2. Oliver Heinrich 2 Monaten ago

    Eine sehr interessanter Bericht über die Vergänglichkeit! Erinnert mich ein wenig an den Film „Grand Hotel Budapest“, Der auch den Niedergang eines einen strahlenden Hotels über die Jahrzehnte wunderbar ausmalt.

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